March 30, 2004
>Background #1: Wasser

2003 war das internationale "Jahr des Süßwassers". Die UNESCO warnte eindringlich davor, dass in absehbarer Zeit immer weniger Menschen gesicherten Zugang zu Trink- und Gebrauchswasser haben werden. Schon spätestens Mitte dieses Jahrhunderts würden mindestens zwei Milliarden Menschen in 48 Ländern unter Wasserknappheit leiden. Gerade in Zentralasien hat sich die Wasserversorgungslage dramatisch zugespitzt. In der Presse war und ist immer wieder die Rede vom versiegenden Aralsee. Die Zahlen sind bedrückend: Seit 1960 ist der Wasserspiegel des viertgrößten Binnensees der Erde um inzwischen 22 Meter gesunken, 75 Prozent seiner ursprünglichen Fläche hat das Gewässer verloren, das Wasservolumen ging um 91 Prozent zurück.
Den langsamen Tod des Aralsees beklagend, denkt man intuitiv, Zentralasien hätte zu wenig Wasser. Kürzlich waren jedoch Teile Kasachstans und Usbekistans von Fluten betroffen und über 2.000 Menschen mussten evakuiert werden. Welche Entwicklungen sind also realistisch und welchen Prognosen sollte man gesteigerte Aufmerksamkeit entgegenbringen? Die verschiedenen Szenarien unterscheiden sich auf vielfältige Weise. Die UNESCO stellte einerseits im Jahr 2000 einen ambitionierten Plan zur Sicherung des Wasserpegels des Aralsees vor. Er sieht vor, jedes Jahr 20 Kubikkilometer entlang der Zuflüsse einzusparen und gilt vielen Insidern als zu optimistisch.
In sicherheitspolitischer Hinsicht weisen andere Organisationen und Experten neben Palästina und dem Nahen Osten auf Zentralasien als den Schauplatz eines ersten potentiellen Wasserkonfliktes des 21. Jahrhunderts: 'Man kann davon ausgehen, daß Auseinandersetzungen um die Nutzung der Wasserressourcen in kriegerische Auseinandersetzungen münden werden', sagt zum Beispiel Professor Dr. Ernst Giese von der Universität Gießen.

Der Aralsee - Ursachenforschung
'Es war Moskau, das Zentrum, die Sowjetunion... es war die barbarische Verschwendung von Wasser die zu der Aral-Tragödie geführt hat' (Präsident Karimow, Usbekistan).
Noch bevor die zaristischen Truppen Zentralasien gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollständig erobertern, war die Baumwollproduktion ein wirtschaftliches Standbein in der Region. Die Russen bezogen da aber noch den Großteil ihrer Baumwolle aus den USA, dem damals größten Produzenten. Während des amerikanischen Bürgerkrieges 1861-5 wurde diese Handelsverbindung jedoch jäh unterbrochen - und Russland musste sich nach neuen Bezugsquellen umsehen. Viele Historiker sehen darin sogar einen der Hauptgründe für die spontante Beschleunigung der Eroberungsfeldzüge in Zentralasien.
Nach erfolgreicher Annektion wurde der Anbau von Baumwolle aktiv gefördert und schon bald war fast ganz Zentralasien von subventionierten Nahrungsimporten abhängig, da die Anbaufläche für Weizen und andere Grundnahrungsmittel den Bedarf der Bevölkerung bei weitem nicht mehr decken konnte. Die großen Hungersnöte Anfang des 20. Jahrhunderts - gerade in der Zeit der Oktoberrevolution - zeugen von der strukturellen Abhängigkeit der Region gegenüber Nahrungsimporten. Daran hat sich bis heute grundlegend nicht viel geändert.
Die sowjetische Politik hinsichtlich des Baumwollanbaus sollte sich erst mit der Machtübernahme Stalins vollständig ausprägen. Die Bauern und die Ländereien, auf denen sie arbeiteten, wurden zwangskollektiviert, große Anlagen entstanden - die Ausrichtung der Produktion auf Baumwolle wurde weiter forciert. Neues Land wurde im großen Stil urbar gemacht, unter Kruschtschow erreichten diese Kampagnen ihren Höhepunkt und führten zu einer Vervielfachung der nutzbaren Agrarfläche. Riesige Bewässerungskanäle wurden durch vormals trockene Gegenden gezogen, dem großen Durst der Baumwollpflanzen Rechenschaft tragend. Die beiden größten Flüsse Zentralasiens, der Amu Darya und der Sir Darya, wurden dafür 'angezapft', angestaut und teilweise umgeleitet. Noch in den Sechzigern umfasste der Aralsee eine Flaeche von etwa 66.100 km2 mit einer durchschnittlichen Tiefe von etwa 16,1 Metern. Der Salzgehalt lag bei etwa einem Prozent. Die neue Bewaesserungspolitik saugte jedoch wie ein Schwamm regelmaessig etwa 90 Prozent des Wassers aus dem Tien Shan auf. Der Salzgehalt vervierfachte sich, der See verlandete wie oben beschrieben in katastrophalen Ausmassen. Heute gilt der Aralsee als das Paradebeispiel fuer Umweltzerstoerung, ein schreckliches Beispiel dafuer, was der Mensch mit der Natur anstellen kann.

Doch es sollte nicht allein die Irrigation und oekologische Verantwortungslosigkeit der Kommunisten fuer die Misere verantwortlich gemacht werden. Auch in intra-kontinentaler Klimawechsel koennte zuletzt teilweise Mitverantwortung tragen. 'So deuten erste Zeitreihenanalysen der Lufttemperatur darauf hin, dass seit Ende der 1930er, spätestens aber seit Ende der 1950er Jahre in den Trockengebieten Zentralasiens eine Klimaerwärmung stattgefunden hat, die deutlich über der durchschnittlichen globalen Erwärmung liegt. Das heißt: mehr Wasser verdunstet. Auch die sommerliche Gletscherschmelze hat entscheidenden Einfluss auf den Wasserzufluss in die Seen. Die Gletscher schmelzen derzeit merklich ab; bis Mitte dieses Jahrhunderts werden wohl jene Gletscher, die im Sommer 50 bis 60 Prozent des Zuflusses in den Issyk-Kul in Kirgisistan ausmachen, abgetaut sein.'
Des weiteren stehen regionale Spannungen zwischen den Laendern Zentralasiens heute ebenso im Mittelpunkt der Schwierigkeiten um die Wasserversorgung. So fuehrten Streitereien ueber territoriale Fragen zu einem Gasembargo Usbekistans gegenüber Kirgistan. Um den Gasmangel auszugleichen, hat Kirgistan Wasser für die Stromerzeugung verwenden müssen, was zu entleerten Wasserreservoirs geführt hat. Dadurch sind in diesem Sommer die Ernten stromabwaerts bedroht. Jedoch fuehren die entleerten Reservoirs nicht nur zu Ernteausfaellen. Einst zentralistisch und laenderuebergreifend geplant wurden die Durchleitungsquoten nicht mehr zwischen den Laendern abgestimmt. Weitere Beispiele fuer Ungereimtheiten und fast unverhohlen offene (zunaechst verbal) Auseinandersetzungen lassen sich dadurch nur zu leicht fnden. Gerade in diesem Jahr waren in Sued-Kasachstan etwa eine 600 km2 grosse Flaeche ueberflutet. Im Fruehling, wenn die Zufluesse von kirgisischem Gebiet viel Schmelzwasser tragen, der reinen Logik folgend jedoch angestaut werden sollten, werden die Reservoirs geoeffnet. Dies fuehrt zu Ueberschwemmungen, da die Gegend stromabwaerts aehnlich wie bei uns am Beispiel der Elbe ersichtlich, dem Ueberschuss an Wasser keine natuerlichen Ruecklaeufe mehr anbieten kann.
Loesung in Sicht?
Was aus den Beispielen nur allzu deutlich werden kann, ist, dass Zentralasien mit aller Dringlichkeit ein wirksames regionales Management fuer Wasserkonflikte aufbauen muss - mit internationaler Hilfe, aber auch aus eigener Kraft und Initiative. Nur so lassen sich die saisonalen Divergenzen in Wasserangebot und -nachfrage zwischenseitig harmonisieren. Dafuer benoetigt es jedoch Willen auf allen Seiten - und gerade dieser liess sich in den letzten Jahren nicht erkennen, zu sehr liefen die Interessen der stromaufwaerts liegenden Laender (Kirgisien, Tadschikistan) mit denen der stromabwaerts situierten (Usbekistan, Kasachstan) auseinander. In dieser Hinsicht erscheinen die Warnungen renommierter Wissenschaftler vor den Wasserkonflikten der Zukunft als teilweise nachvollziehbar. Dennoch ist das Wasserproblem keinerlei allzu losgeloest zu betrachten und geht untrennbar einher mit weiteren wirtschaftlichen und politschen Problemfeldern. Die angespannten bilateralen Beziehungen zwischen Usbekistan und seinen Nachbarn blockieren Fortschritte auch in der Domaene des regionalen Wassermanagements. Fortschritte in schwierigen Bereichen der gemeinsamen Zusammenarbeit werden Fortschritte im Wasserbereich nach sich ziehen. Somit steht es an erster Stelle, ein funktionierendes Netzwerk der beteiligten Laender zu forcieren, welches Befugnisse in allen Bereichen mit sich traegt. Wieso es dabei erhebliche Probleme gibt, werde ich einigen der naechsten Artikeln versuchen zu behandeln. Der Aralsee wird vermutlich weiterhin schrumpfen, bis von ihm - je nach Art der Vorhersage - in 20-50 Jahren nur noch eine Pfuetze uebrig sein wird. Dann sind es nur noch die Erinnerungen und Erzaehlungen, die bleiben.
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'... oft hatten sie sich in der Sary-Ösek nach ihrem Aralsee gesehnt, und noch kurz vor Kasangaps Tod, im Frühling, waren sie zusammen dorthin gefahren; der alte Mann wollte Abschied nehmen vom Aralsee. Doch sie hätten lieber nicht fahren sollen. Nichts als Enttäuschung hatte er ihnen eingebracht. Der Aralsee war zurückgetreten. Er trocknet aus, verschwindet. An die zehn Kilometer waren sie über den einstigen Seeboden geritten, über kahlen Lehm, ehe sie ans Wasser kamen.' [aus: Aitmatow: 'Der Tag zieht den Jahrhundertweg']
