March 30, 2004
Aktuell: Eskalation in Usbekistan?
Aktuellen Berichten zufolge eskaliert in Usbekistan seit einigen Tagen die Gewalt. Nach unbestaetigten Angaben kamen innerhalb der letzten 96 Stunden um die 40 Menschen bei Anschlaegen und Polizeiaktionen ums Leben.

Die Gewalt verschaerfte sich am 28. Maerz mit einem Anschlag in Bukhara, im Sueden der Republik. Dabei sind nach unterschiedlichen Angaben etwa 10 Menschen ums Leben gekommen. Dem vorausgegangen sind anscheinend Uebergriffe auf Polizeikraefte, bei denen aller Wahrscheinlichkeit nach auch Menschenleben zu beklagen waren. Dem folgten verschaerfte Polizeiaktionen in der Umgebung der Hauptstadt und auch Bukhara, bei denen Polizeieinheiten vermutete Haeuser von Terroristen unter Beschuss nahmen, wobei etwa 20 Menschen, darunter auch Frauen, starben.

Die Anschlaege dieser Groessenordnung sind die schwersten in Usbekistan seit ca. 5 Jahren. Regierungen weltweit verurteilten die Gewalt als Akt des Terrorismus, wobei sich die Regierung in Taschkent schnell auf die islamistische Variante festgelegt hatte. Ein Außenamtssprecher brachte die Vorfälle mit den Anschlägen von Madrid und der anhaltenden Gewalt im benachbarten Afghanistan in Verbindung. Usbekistan ist ein Verbündeter der USA im Kampf gegen den Terror. Die wahren Gruende fuer das Aufflammen sind jedoch vielschichtiger - nicht allein der internationale Terrorismus und die Allianz mit den USA macht Usbekistan zu einem Ziel von Terroranschlaegen. Die Probleme sind hausgemacht.
Islam Karimov, Praesident Usbekistans, steht weltweit in der Kritik, in seinem Regime Folter als regelmaessiges Mittel einzusetzen, um politische Gegner einzuschuechtern und systematisch zu verfolgen. Verschiedene Organisationen (u.a. Amnesty International) gehen von ueber 10.000 politischen Gefangenen aus, meist Mitglieder islamischer Organisationen wie der Islamistischen Bewegung fuer Usbekistan (IMU) sowie der Hizb-ut-Tahrir. Mitglieder letzterer Gruppe distanzieren sich jedoch von den gewalttaetigen Uebergriffen, wie von der Organisation in Grossbritannien erfahren wurde.
Karimovs repressives Regime selbst gilt vielen Experten als die eigentliche Hauptursache fuer ein Aufstreben des militanten Islamismus. Fehlgeleitete wirtschaftliche Reformen haben zu katastrophalen Verhaeltnissen u.a. im Ferghana-Becken gefuehrt, wo die radikalen Organisationen einen Grossteil ihrer Symphatisanten rekrutieren. Anschlaege und Angriffe auf usbekische Einrichtungen veranlassten die Regierung zu verschaerften Massnahmen und willkuerlichen Verhaftungen.
Es ist also kaum plausibel anzunehmen, 'internationaler Terrorismus' stehe hinter den Attacken. Esmer Islamov, ein freischaffender Journalist, der unter Synomym veroeffentlicht, ist sich sicher, dass es sich eher um hausgemachten Terrorismus handelt als um auslaendische Einfluesse. "Es koennte das Werk einer neuen Gruppe sein, die in ihren Urspruengen tief in der Verzweiflung ueber das Karimow-Regime verwurzelt ist."

Weiterlesen:
- Radio Free Europe / Radio Liberty (englisch)
- Tagesschau.de
- Tortures to political prisioners
