April 01, 2004
>Background #2: Demographischer Wandel

Die Bevölkerung in Zentralasien ist im ständigen Wandel. An der ursprünglichen Herkunft der Bewohner lässt sich eine bewegte Geschichte der Region ablesen, die auch von Tragödien, Gewalt und Zwang zeugt. Jedoch zeigt sich auch Unerwartetes und der normale Demograph kommt ohne einen bewanderten Historiker wohl kaum weiter. Eine schier unbegrenzte Vielzahl von verschiedenen Volksgruppen findet sich heute beispielsweise in Kirgistan wieder.

Unter der Kategorie 'andere' werden ca. 80 ethnische Gruppen zusammengefasst. Kasachstan, als multi-ethnischster Staat in Zentralasien, vereint circa. 150 Ethnien im Staatsgebiet. Von jeher waren die Gebiete der heutigen fünf Länder (Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgistan und Turkmenistan) ethnisch äußerst heterogen. Unzählige Migrationsbewegungen in der weiten Vergangenheit machen es unheimlich aufwändig, sich darüber auch nur annähernd ein konsistentes Bild zu verschaffen. Nichtsdestotrotz sind gerade die Veränderung im 20. Jahrhundert äußerst wichtig, um heutige zentrale politische Verhältnisse in der Region zu verstehen. Ein Land wie Kirgisien, das nur etwa zur Hälfte aus Kirgisen besteht, muss seine Identität weiter fassen als sie auf eine Volksgruppe zu beschränken. Inwiefern diese Heterogenität Veränderungen zu mehr Demokratie, Zivilgesellschaft und Stabilität beeinflussen kann, wird Thema eines anderen Artikels sein.
Frühes 20. Jahrhundert: Vor-revolutionäre Migrationsströme
Die nennenswertesten Bewegungen vor den Zwanzigern beschränkten sich auf einen Zuzug von Slawen aus der russischen Kernregion, bzw. der Ukraine und Weißrussland. Zugezogene dieser Zeit waren meist in der Verwaltung der relativ jungen - de facto kolonialen - Erwerbschaften tätig. Im Tross der slawischen Immigranten befanden sich auch 'imperiale Helfer', die sich in der Vorgeschichte als loyale Angestellte des Zars erwiesen haben. Diese Gruppe ist äußerst interessant zu betrachten, da ihr doch nach der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten mit Misstrauen und Feindschaft begegnet wurde. Unter anderem zählen zu ihr Tataren von der Krim, die anfangs im späteren Kasachstan, oder der 'Steppe', wie die Gebiete vormals hießen, die Kunde des Islam verbreiteten. Ebenso begleitet wurden die Slawen von Armeniern, die im Bankwesen eine gewichtige Rolle spielten. 1924 waren in der Turkestanischen ASSR, damaliger Name großer Teile Zentralasiens, bereits 10 Prozent aller Einwohner Russen.
Bevölkerungspolitik Stalins
Ein einzelner Tod ist eine Tragödie, eine Million Tode sind Statistik
Stalin, dem obiges Zitat nachgesagt wird, war der Hauptgrund für die größten Bevölkerungsbewegungen in Zentralasien im 20. Jahrhundert. In den späten Zwanzigern begannen die notorischen Säuberungsaktionen, mit denen eigentlich die 'bürgerlichen Nationalisten' beseitigt werden sollten, denen aber zuletzt jede erkennbare Form von Opposition zum rigiden Führungsstil Stalins zum Opfer fiel. Wie viele Tausend Menschen diesen Aktionen zum Opfer fielen, kann nur geschätzt werden - ebenso wie die Vielzahl von Menschen, die zwangsumgesiedelt wurde - an einen Ort möglichst weit entfernt vom Zentrum Moskau. In Kasachstan wurden riesige Zwangsarbeiterlager eingerichtet (Gulags), das größte von ihnen mit einer umzäunten Fläche von etwa 300x200 km, nahezu so groß wie Bayern. Die Opfer der Säuberungsaktionen waren zumeist Slawen aus dem Zentrum, also Russen, Ukrainer und Weißrussen.
Dies änderte sich jedoch mit dem nahenden Zweiten Weltkrieg, der unter anderem als schrecklichstes Kapitel der stalinistischen Verbrechen in die sowjetische Geschichte eingehen sollte. In den späten Dreißigern wurden zu aller erst 'unzuverlässige' und potentiell gefährliche Volksgruppen in großen Stil aus Grenzregionen deportiert. Unter ihnen befanden sich Koreaner aus dem Fernen Osten, von denen im Falle eines Krieges gegen Japan Verrat und gemeinsame Sache mit dem Feind erwartet wurde. Deutsche, die sich zuvor in der Wolgarepublik sogar konstitutionellen Status verschafft hatten, wurden gnadenlos nach Kasachstan umgesiedelt - um den alsbald vorrückenden deutschen Truppen keine kollaborierende Bevölkerung zu stellen. Das Misstrauen, das den Völkern des Kaukasus gegenübergebracht wurde (wehrten sie sich doch am längsten gegen die Eroberungszüge des Zars), veranlasste Stalin dazu, auch hier bestimmte verdächtige Volksgruppen komplett zu deportieren. In geliehenen amerikanischen Studbaker LKWs wurden Hunderttausende Inguschetier, Tschetschenen und Kalmücken aus ihrer Heimat in das ferne Kasachstan 'transportiert' - auch von ihnen erwartete man Kollaboration mit den vorrückenden Deutschen. Unter den Deportieren waren auch ein große Anzahl Polen aus den deutschen Grenzgebieten.

Nach dem 2. Weltkrieg kam eine neue große Gruppe zu den Zwangsumgesiedelten in Zentralasien hinzu: Kriegsgefangene. Zusammen mit den Deportierten der Kriegsjahre wurden sie zu einer nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Größe: Zwischen 1941 und 44 wurden zahlreiche Industrieanlagen aus dem Kerngebiet in die Peripherie der Sowjetunion verlagert. Nach dem Krieg kamen Reparationsleistungen aus dem besiegten Deutschland (der SBZ - sowjetisch besetzten Zone) hinzu. Zwangsarbeiter arbeiteten in der Eisen- und Stahlherstellung, der Industriefertigung und weiteren Bereichen.
Cruschtschow und das Ende einer Ära
Mit dem Ende der Ära Stalin setzte eine Kehrtwende bei der Zwangsarbeitersituation in der gesamten Sowjetunion ein. Die Völker des Nordkaukasus, Tschetschenen, Inguscheten und Kalmücken durften ab 1956, immerhin erst drei Jahre nach der Amtsübernahme Cruschtschows, in ihre Heimat zurückkehren, was nahezu alle von ihnen taten. Die meisten Kriegsgefangenen waren 1953, dem Jahr Stalins Tod, schon wieder zuhause, die letzten kamen nun auch frei und die Gefangenenlager wurden geschlossen.

Neues Land
Die Ernährungslage in der Sowjetunion blieb auch nach dem Krieg äußerst angespannt. Chruschtschow, Freund gigantischer Großprojekte, befahl eine Neulandkampagne in Kasachstan bisher ungekannten Ausmaßes. 1954-55 allein wurden 33 Millionen Hektar Ackerland erschlossen. Mehr als 300.000 Menschen, hauptsächlich aus der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik und der Ukraine siedelten nach Nordkasachstan um. Die überaus wichtige demographische Dimension dieses gigantischen Neulandprojektes zeigte sich nach 1956, als die Nordkaukasier in ihre Heimat zurückkehren durften. Wolgadeutsche und Krimtataren wurden als zu wertvoll für die Agrarkampagne betrachtet - und blieben deshalb von den Rehabilitationsmaßnahmen ausgenommen. Sie blieben in Kasachstan - so dass nach der Unabhängigkeit die deutsche Minderheit mit etwa zwei Millionen Menschen etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung Kasachstans ausmachte.

Perestroika und Unabhängigkeit: Exodus
Die Perestroika war für viele wohlhabende ethnische Russen in Zentralasien ein Zeichen für eine baldige Veränderung noch größeren Ausmaßes. Viele beschlossen damals, dem zuvorzukommen und auszuwandern - meist zurück ins russische Kerngebiet. Überdieshinaus konnten Juden durch eine vereinfachte Immigrationsprozedur leichter nach Israel auswandern - wovon verhältnismäßig viele Gebrauch machten.
1991, das Jahr der Unabhängigkeit für alle zentralasiatischen Staaten, wurde zum Beginn einer unvorhergesehenen Auswanderungswelle von Russen und anderen Slawen aus Zentralasien. Allein etwa 2 Millionen Russen verließen Kasachstan. Nicht alle verließen jedoch das Land, nachdem ihre Familien vor mehreren Generationen gekommen waren und Verbindungen ins neue Russland schon lange nicht mehr vorhanden waren.
Der Versuch, zunehmend politischen Druck auszuüben scheitert, die Regierung Nasarbajews verdeutlicht die territoriale Integrität des Landes sogar mit einem drastischen Schachzug: Die Hauptstadt wurde 1998 vom subtropischen Almaty (Alma-Ata) ins kalte Astana (übersetzt: Hauptstadt) verlegt, um den proportional dominanten Russen des Nordens zu zeigen, dass die Regierung Kasachstans keine Seperationsbewegungen dulden wird.
Deutschland, welches die Repatriierung der deutschen Minderheit Kasachstans aktiv fördert, wird zum gelobten Land für etwa zwei Drittel der im Land lebenden Deutschen. Nach über 200 Jahren verlassen sie in großem Stil Russland, bzw. ihr junges zwangweises Zuhause Kasachstan, nachdem sie Königin Katharina 1763 mit ihrem berühmten Manifest zur Einwanderung gerufen hatte.
Die Koreaner, die in den dreißiger Jahren nach Zentralasien deportiert worden, bekommen wiederum keine Erlaubnis von der südkoreanischen Regierung, in ihre Heimat zurückzukehren, zumal diese meist im heutigen Nordkorea liegt. Interessanterweise gelang es den Koreanern jedoch recht gut, sich mit ihrer misslichen Lage zu arrangieren und einen Platz in der Gesellschaft zu finden, auch nach der Unabhängigkeit. Ab dem Jahr 2000 und angesichts der sich nicht bessernden ökonomischen Lage entscheiden sich viele von ihnen jedoch für eine Ausreise Richtung Westen, meist in die USA.
Die Geschichte eines Volkes kann vielleicht als Beispiel dienen für jene, die in diesem Artikel aus Platzgründen nicht genannt werden können. Pontische Griechen, die vor dem 20. Jahrhundert auf der östlichen Seite des Bosporus siedelten und in den Zwanzigern aufgrund der türkischen Massaker an den Griechen in den Kaukasus flohen, sind nur namenshalber mit den Bewohnern Griechenlands verbunden. Im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges wurden sie zusammen mit den Nordkaukasiern nach Zentralasien deportiert. Auch sie kehrten in den Fünfzigern erst zurück in den Kaukasus, um später die Einreise nach Griechenland zu beantragen, ein Land, in dem sie nie gelebt hatten. Die griechische Regierung steht dieser jüngsten Einwanderungswelle skeptisch gegenüber und leitet eine Vielzahl der pontischen Griechen weiter nach Mazedonien.
Die jüngere Vergangenheit Zentralasiens ist jedoch nicht nur durch die Auswanderung von Millionen von Menschen gekennzeichnet. Es ist erstaunlich, inwieweit viele Auswanderer nach dem Verlassen der Region wieder zurückkehrten. So siedeln sich etwa in Kasachstan auch erneut Russen an, nachdem ihnen die wirtschaftliche Situation in Russland nur Enttäuschung gebracht hat und sie ihre Zukunft wieder in Kasachstan sehen. Es überwiegen jedoch die Bewegungen von Kasachstan weg. So verringerte sich die Bevölkerung von 16,2 Millionen 1989 auf 14,9 Millionen Einwohner zehn Jahre später. Für die wirtschaftliche Entwicklung Kasachstans ist dieser Verlust an Einwohnern katastrophal, bedeutet der Wegzug der materiell bessergestellten Deutschen und Russen doch auch einen Verlust an Verbrauch, Humankapital und allgemeiner Wirtschaftsleistung.
Die genannten Beispiele sollten verdeutlichen, welche Herausforderungen aus der bewegten demographischen Vergangenheit des 20. Jahrhunderts resultieren:
Identität
Über welche Identität definieren sich die zentralasiatischen Staaten? Beruht diese auf Ethnizität, klammert sie einen Großteil der Bevölkerung aus. Stiften Identitätskrisen seperatistische Tendenzen an?
Demokratie
Eng mit Identität verbunden, ist der Demokratiebegriff jedoch auch seperat zu betrachten. Inwieweit können ethnische Minderheiten proportional in der Regierung repräsentiert werden? Welches Konfliktpotential birgt die politische Entmündigung bestimmter Volksgruppen?
Wirtschaft
Welche Folgen wird die Auswanderung von signifikanten Schichten der Gesellschaft für die Länder (in diesem Fall verstärkt gültig für Kasachstan) haben? Kann der Verlust an Humankapital durch endogenen Aufbau von Fachpersonal/Bildungselite kompensiert werden?
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