April 02, 2004
>Background #3.1: Das Kaspische Meer

Aserbaidschan ist ein Anrainer des Kaspischen Meeres, dem größten See der Welt. Das ist und bleibt, nach gebührendem Blick auf eine Weltkarte, unbestritten. Dass das Kaspische Meer dagegen ein See sein soll, ist dann schon gar nicht mehr so sicher. Die Frage scheint auf den ersten Blick relativ lapidar. Bei genauerem Hinschauen fällt hingegen auf, welche Einsätze auf dem Spiel stehen. Herzlich willkommen beim Kaspischen Ölpoker.

Definitionsfragen
Wo liegt eigentlich der Unterschied, ob man es nun mit einem See oder einem Meer zu tun hat? Rein optisch ändert sein Status nichts an einem Gewässer - aber juristisch eine ganze Menge. Ein Meer, das ist, bis auf einen zehn Meilen schmalen Streifen an der Küste des jeweiligen Anrainers, internationales Gewässer und Jedermanns Eigentum. Das heisst also, außerhalb darf jeder Fische fangen und alle anderen Reichtümer ausbeuten. Ganz nach dem Motto: Wer zuerst kommt, malt zuerst. Ein See wiederum wird proportional der Küstenlänge der Anrainer entsprechend aufgeteilt. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass es dabei Probleme geben kann und auch der beste Mathematiker wohl vor einem unlösbaren Rätsel steht. Wem letztlich welches Stück des Kaspischen Meeres gehören soll, war einem jeden bis vor kurzem regelrecht egal. Die einzigen, die sich darüber Gedanken machen mussten, waren darüberhinaus bis 1991 die Sowjetunion und der Iran. Das Kaspische Meer galt als obskure Gegend - ein Schwarzes Loch fernab internationalen Interesses. Nach dem Kollaps der SU und der Unabhängigkeit der südlichen Sowjetrepubliken, änderte sich jedoch schlagartig die Lage. Alte Verträge aus den Jahren 1921 und 1940 zwischen der SU und dem Iran waren über Nacht nicht mehr viel wert. Darüber hinaus brachte die Entdeckung enormer Mengen Öl fernab der Küsten zusätzliche Brisanz in die Besitzfrage. Nun handelte es sich nicht mehr nur um zwei Länder, sondern mitunter um ganze fünf hungrige Staaten, die sich fortan das Meer 'teilen' sollten, die aber jeweils ihr besonders großes Stück vom Kuchen abhaben wollten (vgl. Karte). Mit welchen intraregionalen Konsequenzen?
Des Pudels Kern - Ölvorräte: Prognosen und Science-Fiction
Dieses Thema wird aller Voraussicht nach in jedem Artikel dieser Serie über das Kaspische Meer eine gewichtige Rolle spielen: Über welche Mengen an Öl und Gas spricht man hier, wie gelangt man an die Resource - und zu guter letzt: Wie bekommt man sie zum äußerst weit entfernten Kunden in Europa, Amerika und Ostasien? Die schlüssige Beantwortung dieser Frage ist sicherlich lohnenswertes Thema für einen ganzen Blog - und viele Autoren schmeissen mit Angaben über Milliarden Barrel nur so um sich, dass einem vor lauter schwarzem Gold ganz schwarz vor Augen werden kann. Mitunter gibt es für die Gegend etliche verschiedene Vorhersagen und Prognosen, die allesamt ein wenig homogenes Bild der Resourcenlage im und am Kaspischen Meer vermitteln. Manche ergaben sich als zu optimistisch, manche als untertrieben. Der Vergleich dieser Zahlen soll uns hier jedoch gar nicht erst aufhalten, letztlich ist nur eins mehr oder minder klar: Das Kaspische Meer besitzt erkleckliche Mengen an Öl. Abgesehen von der schwierigen Lage der Beziehungen zwischen den Anrainern und des andauernden Streits um den rechtlichen Status des Gewässers gibt es jedoch vielschichtige Probleme rund um das Kaspische Öl. Die Menge an vorhandenem Öl ist demnach nicht Garant für die wirtschaftliche Prosperität, die aus dem Bohren nach der Resource folgen würde. Seit der Öffnung der Region für westliches Kapital und Investitionen ist viel Geld in die Erkundung der Reserven jenseits der Küsten gesteckt worden. Die Unsicherheit und die potentiellen Vorkommen in den Tiefen unterhalb des Gewässergrunds heizen den Konflikt über den Status eher weiter an. Am Beispiel Irans und Aserbaidschans wird dies besonders deutlich.
007 in Baku

Als Pierce Brosnan 1999 mit seinem BMW X3 durch die Straßen Bakus preschte, und mit seinem Set Szenen zu 'The World is not Enough' in Aserbaidschan abdrehte, war ihm bestimmt nicht ganz klar, dass die 007-Story diesmal gar nicht allzu weit von der Realität entfernt war. Spione gibt es in Baku an jeder Ecke. Diese kommen aus vielen Ländern, den USA, Turkmenistan, Russland, Israel, dem Iran und wer weiß sonst woher. Gerade jedoch die Präsenz iranischer Geheimagenten ist von ganz besonderer Brisanz. Bakus Beziehungen zum Iran waren noch nie gerade besonders herzlich, nachdem Teheran wiederholt islamistische Gruppierung im südkaukasischen Land unterstützt hatte. Doch nun, nach Jahren des unterschwelligen Konflikts über den legalen Status des Kaspischen Meers, drohte dieser kanonenbootartige Züge anzunehmen - im wahrsten Sinne. Am Montag, den 23. Juli 2001, fuhren zwei von BP gecharterte Forschungsschiffe ca. 150 Kilometer südostlich von Baku, um ein dort vermutetes Ölfeld zu erforschen. Bis urplötzlich ein iranischer Kampfjet am Horizont am Horizont auftauchte, die Boote bei mittlerer Höhe einige Male umkreiste, um dann wieder umzukehren. Sich nicht von ihrer Sondierungsmission abhalten lassend, setzten die beiden Schiffe unbeirrt ihren Kurs fort. Einige Stunden später jedoch kam es dann zum seitdem vielzitierten bilateralen Eklat: Ein iranisches Kanonenboot der Kaspischen Flotte wies die Schiffe per Funk an, den Meeresabschnitt umgehend zu verlassen und sich fünf Meilen Richtung Norden zurückzuziehen. Nachdem die Forschungsschiffe zunächst eine Reaktion vermissen ließen, wurden die Iraner ungeduldig und drohten mit dem Einsatz ihrer Bordwaffen, sollten die Aseris nicht einlenken. Widerwillig drehte der Forschungstrupp bei und kehrte um in Richtung Baku. Offizielle Reaktionen - in ungewohnt scharfer Form - ließen nicht lange auf sich warten: "Die Aktionen Irans sind eine beispiellose Verletzung internationalen Rechts", verlautete es aus aserischen Regierungskreisen. Mehr noch: Außenminister Vilayat Quliev sagte einen Tag später: "Wir werden diesbezüglich nicht in einen Krieg geraten, aber wir stehen für unsere Rechte ein!" Irans Antwort ließ ebenso nicht lange auf sich warten. Außenministeriumssprecher Assefi: "Wir sind tief erstaunt über das Geschrei und Gezeter über die Maßnahmen der Islamischen Republik, ihr legitimes Recht [im Kaspischen Meer] zu verteidigen."
Obwohl sich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten seither einigermaßen normalisiert haben, ist weiterhin Vorsicht geboten. Schon kleinste Ungereimtheiten, unter Umständen neue Ölfunde, könnten gefährliche diplomatische Drohgebärden nach sich ziehen. In einer Gegend, die nicht gerade von Stabilität geprägt ist, ist dies sicher alles andere als wünschenswert.
Analyse

Die obige Karte zeigt die verschiedenen Positionen der Anrainerstaaten, so wie sie sich um 1998 herum relativ unversöhnlich entgegenstanden. Turkmenistan schlug eine 45-Meilen-Grenze parallel zur Küste vor, eine relativ unkonventionelle Lösung eines zugegebenerweise jedoch auch unkonventionellen Problems. Russland, das die Region ums Kaspische Meer mit einer Mischung aus Außen- und Innenpolitik behandelt, sähe gerne - nicht zu sehr aus ölpolitischen Gründen - eine 10-Meilen-Grenze parallel zur Küste als permanente Delimitation. Die Kaspische Flotte würde so weithin einsetzbar bleiben und nicht im russischen Quadranten gebunden sein. Fakten schufen Aserbaidschan und Kasachstan, indem sie mit der Vergabe von Konzessionen an ausländische Ölfirmen begannen. Kasachstans Kashagan-Feld, der größte Ölfund seit nahezu 30 Jahren, liegt größtenteils außerhalb der von Russland unterstützten 10-Meilen-Zone. Die beiden (ölreichsten) Staaten haben für ihrem Vorschlag der Mittenteilung (s. Graphik) heftige Kritik geerntet, der mitunter auch zum oben genannten Beinah-Konflikt zwischen Iran und Aserbaidschan geführt hat. Es scheint, als ob die Einigung dieser beider Staaten wichtige Voraussetzung für die Beilegung des rechtlichen Disputes ist. Bei einer Podiumsdiskussion des Middle East Institutes in Washington kam dies verstärkt zum Ausdruck, als aserische und iranische Politiker sich 2001 zu einem Gedankenaustausch trafen. Man ist sich gemeinhin im klaren, dass eine Einigung nur durch gesteigerte Kompromissbereitschaft erreicht werden kann. Von iranischer Seite wurde verlauten lassen, dass nur eine adaptierte Mittenteilung akzeptiert werden könne, ein Szenario in dem der Iran mehr bekommt, als er jetzt nach Gebrauchsrecht besitzt. Das wiederum jedoch stößt bei den Aseris, aber auch den anderen Anrainern auf wenig Gegenliebe: "Es könnte schwierig sein für Aserbaidschan, sich mit einer Lösung abzufinden, die Iran mit 20 Prozent des Kaspischen Meers versieht." Es bleibt also abzuwarten, inwiefern sich die Situation entwickeln wird. In der Zwischenzeit wird vor Kasachstans und Aserbaidschans Küsten weiter fleißig nach Öl gebohrt und gesucht, als ob es so etwas wie Kontroverse dabei gar nicht geben würde. Die einzige realistische Alternative ist also die Mittenlinien-Trennung, die anderen Möglichkeiten bergen wohl zuviel politischen Sprengstoff, der von keiner Seite detoniert werden möchte. Lösungen wie 10- oder 45-Meilen-Grenzen bedeuteten, Eigentum Kasachstans und Aserbaidschans - immerhin in mit internationalen Ölfirmen getätigten Verträgen verbrieft - zu Allgemeingütern zurück zu verwandeln. Es wird also auf Taktgefühl und Verhandlungsgeschick vor allem seitens der Aseris und Iraner ankommen. Nach dem Scheitern zahlreicher Konferenzen zu diesem Thema kann es dabei hingegen noch ein paar Jahre dauern.
Weiterlesen:
- Pravda.ru: Caspian Fleet to be Cut to Pieces (05/12/2003)
- The Middle East Institute: The Legal Status of the Caspian Sea (19/11/2001)
