June 01, 2004

>Background #5: Saparmurat Niyazov

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Saparmurat Niyazov ist eine sonderbare Erscheinung. Fernab internationaler Beachtung führt er sein Turkmenistan mit eiserner Hand - und einer schieren Unzahl von Absurditäten. Vielerorts wird das Land ob des Personenkults um Turkmenbashi - den Führer aller Turkmenen (wörtliche Übersetzung) - als 'Stalins Disneyland' beschrieben. Selten jedoch nur können sich Interessierte einen klärenden Blick vor Ort verschaffen. Turkmenistan ist eines der am schwersten zugänglichen Länder der Welt.

niazov1.jpgSaparmurat Niyazov wurde am 19. Februar 1940 in der turkmenischen Hauptstadt Ashgabad nahe der iranischen Grenze geboren. Seine Kindheit sollte von schweren Schicksalsschlägen geprägt sein: Sein Vater kehrte nicht von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs wieder; und die verbliebenen Mitglieder seiner Familie starben in dem verheerenden Erdbeben von 1948, welches hunderttausende mit in den Tod riss. Anschließend wuchs der junge Saparmurat im Waisenhaus und bei entfernten Verwandten auf, bevor er zum Studium nach St. Petersburg fortging. Von dort kehrte er 1966 als Elektrizätsingenieur zurück und begann, im städtischen Elektrizitätswerk zu arbeiten. Seine politische Karriere startete 1962, als er Mitglied der Kommunistischen Partei wurde. Erst später gelangte er jedoch in die wichtigen und hohen Spheren des Staatsapparats, was ihn, in den Wirren und Unsicherheiten der Unabhängigkeit, mit dem Präsidentenjob belohnen sollten. Am 27. Oktober 1990, auf den Tag genau ein Jahr vor der offiziellen Unabhängigkeit, wurde Niyazov zum ersten Präsidenten der Turkmenischen SSR gewählt, jenes nahezu identische Amt, welches er bis zum heutigen Tag bekleidet.

Über Nyazov als Mensch ist nur wenig genaues bekannt, jedoch lassen sich aus einer Vielzahl von Obskuritäten seines Führungsstils und den Geschehnissen der letzten Jahre gewisse Merkmale herleiten, welche die Person hinter Turkmenbashi erklären können. "Es erinnert einen etwas an Kim Il Sung in Nord-Korea, aber es ist anders, es ist viel bizarrer", sagt eine westliche Diplomatin (siehe: The New Great Game von Lutz Kleveman). Eines ist jedoch unbestritten: In keinem anderen Staat der Ex-Sowjetunion hat ein solch personenbezogenes Regime überlebt. Viele Beobachter sehen die verlustreiche Kindheit als einen entscheidenen Faktor in der Personalakte Turkmenbashis. Sein Überleben im Erdbeben von 1948 mit 110.000 Toten gilt als psychologisches Schlüssel-Ereignis. Ein Denkmal in Ashgabad bezeugt dies: Neben dem 'Bogen der Neutralität' befindet sich ein Monument zur Erinnerung an das Beben, das ein Drittel der Stadtbevölkerung nicht überlebten. Es wird durch einen wilden Bullen symbolisiert, der den Globus mit seinen Hörnern wegzuschleudern scheint. Nyazovs sterbende Mutter fällt in einen schreienden Abgrund, mit letzter Kraft ihren Sohn hochhaltend. Die Katastrophe als Ankunft des nationalen Heldens, des Führer aller Turkmenen. Symbolträchtiger geht es kaum. "Der Fakt, dass er überleben durfte, muss ihn überzeugt haben, dass er zu den Ausgewählten gehört."

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Dieses spirituelle Erlebnis scheint sich wie ein Leitmotiv durch die Handlungen Turkmenbashis durchzuziehen. Seine Perzeption als Heiliger, als sprichwörtlicher Vater der Nation, scheint sich in ihm verselbstständigt zu haben und treibt den Kult um die Person zu immer neuen Spitzen. Dabei ist es jedoch notwendig zu differenzieren: Nyazov ist kein Tyrann, der aufgrund fehlender Realitätsnähe Gräuel am eigenen Volk verrichtet. So bringt es Lutz' Vertraute in Ashgabad auf den Punkt: "Turkmenbashi ist mehr wie ein Kind, und noch ein recht verrücktes dazu."

Bizarr und anachronistisch: Turkmenbashis Königreich

Was macht dieser zentralasiatische Despot in seiner Freizeit? Nun, bis vor kurzem schien er ein gesteigertes Interesse für's Monumentale zu haben. Das Arsenal an Eigenwilligkeiten in Turkmenistan ist groß, dennoch scheint nur die reine Aufzählung dieser scheinbaren Sagen aus Tausendundeinernacht das ganze Ausmaß dieses Phänomens erklären.

palast.jpg Der Präsidentenpalast ist des Landesvaters ganzer Stolz. Es wurde auf einem Hügel errichtet, um den kaskadierenden Wasserspielen die nötige Neigung zu verleihen. Vorher war die ganze Gegend bewohnt; der Neubau jedoch machte die Zwangsumsiedlung der Einheimischen unausweichlich. Wie alle offiziellen Gebäude besitzt auch der Palast Wände aus Marmor, der - dem Stil entsprechend - eigens aus Italien importiert werden musste. Das ganze Land scheint vor wahnwitzigen Projekten nur zu strotzen: Einer Obsession mit Wasser folgend, liess Turkmenbashi einen riesigen Wasserpark errichten, mit tausenden Fontänen in allen vorstellbaren Formen und Farben. Dass das Land zu über 90 Prozent aus Wüste besteht, scheint dem Projekt kein Hindernis zu sein. Weitere pompöse Bauten säumen die Straßen der Innenstadt Ashgabads, unter ihnen der weltgrößte Springbrunnen, dessen Wasser bei sengenden Sommertemperaturen verdunstet und die Trinkwasserknappheit verschärft.

In allen Straßenzügen springt einem Turkmenbashis Gesicht entgegen, Porträts an allen Ecken und Enden. Sogar Lautsprecher (der Marke Sony) kunden von wichtigen Nachrichten aus dem politischen Einheitsbrei der offiziell parlamentarischen Demokratie. Das Antlitz Nyazovs ist auf allen Geldscheinen vertreten, wobei eine bizarre Anekdote die Eitelkeit des Präsidenten unterstreicht: Inmitten der neunziger Jahre wurden Geldscheine gedruckt, die der mitunter ergrauten Haarpracht Turkmenbashis Rechenschaft trugen und ihn als mittelalten Mann darstellten. geld.jpg Nach einiger Zeit jedoch schien sich Unbehagen in dem heute 64-jährigen zu bilden: Er ließ alle Geldscheine einsammeln und neue, ihn mit schwarzem Haar abbildend, in Umlauf bringen. Diese und weitere schräge Geschichten aus Turkmenistan haben internationale Institutionen abgeschreckt. Wie geht man mit einem solchen Wüstendespoten um, dem es - scheinbar vollen Herzens - um die Verwirklichung seiner gottgesandten Aufgaben geht?

Blick nach außen

Dabei ist Turkmenistan ein vielversprechendes Land. Internationale Aufmerksamkeit scheinen allein schon die reichlichen Gasvorräte zu garantieren. Dennoch sind Investoren lieber vorsichtig, was das Land am Kaspischen Meer betrifft. Anders als in Kasachstan und Aserbaidschan sind vor Ort noch keine großen Projekte durchgestartet. Über das bestehende Pipeline-Netz exportiert Turkmenistan sein Gas ausschließlich Richtung Russland - welches (als einziger potentieller Abnehmer) natürlich Preise unerhört nach unten drücken kann. Kürzlich in den Medien auftauchende Planspiele über eine Ölpipeline von Kasachstan über Turkmenistan und Afghanistan nach Pakistan wurden als unrealistisch abgetan, obwohl nach dem Fall der Taliban 2002 ein Memorandum von den Präsidenten der beteiligten Länder unterzeichnet wurde. Einziges Problem: Bisher findet sich schlicht kein Investor, der bereit ist, in diesen schwierigen Ländern - allen voran Afghanistan - zu investieren.

Ob sich das Geschäftsklima zu verbessern scheint, ist nicht abzusehen. Immer noch herrschen allseits bekannte Probleme vor, die wie vielerorts im ex-Sowjetischen Raum Investitionen so unberechenbar machen. Undurchsichtige Bürokratie, kein allgemeingültiges Investitionsrecht sowie ein schier endlos scheinender Dschungel von Genehmigungen und Regularien erschweren die Schaffung eines transparenten Codex für ausländische Direktinvestitionen (FDI). Das Potential für weitreichende wirtschaftliche Entwicklung in Turkmenistan ist unbestrittenerweise vorhanden, die Gasvorräte zählen zu den umfangreichsten der Welt. Jedoch flossen zwischen 1999 und 2001 jährlich durchschnittlich nur 125 Millionen US-Dollar ins Land, ein Bruchteil verglichen mit Investitionsströmen nach Kasachstan.

Für weitere Verstörung sorgt Turkmenistans anscheinend felsenfeste Neutralität. Nach dem 11. September sollte das Land als einzigstes den Krieg gegen den Terror nicht offen unterstützen. Schon zuvor wurde Turkmenbashis Demokratie unter dem Verdacht gerügt, er unterhalte ungewohnt freundschaftliche Beziehungen zu den Taliban. Nichtsdestotrotz ergriff Nyazov keine Partei, als amerikanische Bomben auf das Nachbarland fielen. Die einzigste Konzession, die er den Allierten machen wollte, war, Hilfslieferungen über sein Land zu Notleidenden südlich der Grenze kommen zu lassen und begrenzte Überflugsrechte zu gewähren.

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Analyse

Vielerorts als lächerlicher und verschrobener Diktator dargestellt, der den Bösewichtern der Schurkenstaaten nicht das Wasser reichen kann, sollte man jedoch auch vorsichtig mit solch 'verniedlichenden' Charakeristika für einen unumschränkten Herrscher umgehen, so märchenhaft diese Erzählungen auch klingen mögen. Staatsterror und universell repressive Maßnahmen gegen politische Gegner scheinen zum Alltagsgeschäft in Turkmenistan zu gehören. Die Opposition agiert aus dem Exil, vornehmlich aus Moskau. Angaben über politische Gefangene sind vage und ohne genaue Bestätigung. Eine ähnlich wie in Usbekistan wahrgenommene Bedrohung von islamistischen Gebilden existiert in Turkmenistan nicht. Widerworte waren verstärkt von alten Genossen Nyazovs zu vernehmen, so etwa seinem ersten Aussenminister Avdi Kuliev, der das Land 1992 verließ.

Kürzlich wurden erneut die Ein- und Ausreisebestimmungen verschärft. Fortan ist es für Einwohner nur noch schwierig möglich, das Land auf legalem Wege zu verlassen - Reisefreiheit ist und bleibt ein Fremdwort. Somit lassen sich für den zusehends paranoiden Turkmenbashi die Bewegungen der Opposition noch besser kontrollieren. Ein angeblich fingiertes Attentat auf seine Person diente ihm als Mittel zum Zweck, gegen Opposition und vermeintliche Terroristen vorzugehen. Moskauer Exilanten sind sich jedoch einig in der Meinung, das Zentrum der Oppositionsbemühungen müsse sich im Land befinden, um den Druck auf die Regierung und insbesondere Nyazov zu erhöhen. Inwiefern dieses Unternehmen Erfolgschancen besitzt, hängt von der Akzeptanz der Gruppen innerhalb der Bevölkerung ab, deren interner Einheit und internationaler Unterstützung.

Nyazov ist um seine Beliebtheit beim Volk bemüht. Vor einiger Zeit soll ihn die Frage danach zu einer wahrhaft interessanten Tat hingerissen haben. Angeblich befestigte er sich einen falschen Bart im Gesicht und fuhr mit seiner gepanzerten Mercedes Limousine durch die Straßen, um Menschen direkt zu befragen, wie sie denn den Präsidenten fänden. Da dieser ominöse Fragesteller jedoch in der Präsidentenlimousine und mit falschem Bart unterwegs war, wird er wohl kaum ehrliche Antworten bekommen haben. Es gibt jedoch auch noch andere - im Licht der Zustände in Turlmenistan noch merkwürdigere - Entwicklungen innerhalb der Palastmauern zu vernehmen. Die Medien berichten einheitlich von einer obskuren Tendenz: Turkmenbashi verschwindet. Am 21. Mai verschwanden Dutzende von Präsidenten-Porträts. Eine Woche später berichteten russische Medien von 'hunderten' entfernten Bildnissen. Vielleicht zeigten internationale Kritik (auch zusehends vonseiten der USA) und Nyazovs Furcht vor revolutionären Zuständen letztlich Wirkung? Vorsichtig sollten solche Meldungen vernommen werden, rät gundagor.org. Höchstwahrscheinlich hat dieses großflächige Entfernen etwas mit dem Eintreffen einer OSZE-Delegation zu tun. Unter Umständen jedoch bewegt sich Turkmenbashi. Auch die Ereignisse in Georgien letztes Jahr könnten einen entscheidenen psychologischen Impetus gehabt haben.

Die Weltfremdheit von Nyazov spricht letzlich nicht für ein überaus großes Potential zum friedlichen und moderaten Reformprozess unter ihm. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob sich in Turkmenistan eine Opposition herausbilden kann, die es vermag, dem Land eine fortschrittlichere Regierung zu stellen. Bis dahin wird sich die Weltgemeinschaft wohl mit Turkmenbashi arrangieren müssen, ohne zu vergessen, dass auch sie eine große Verantwortung an Bewegungen im Lande hat. Großzügiges Sponsoring von Exilgruppen (sofern sie denn eine demokratische Alternative verkörpern) könnte ein Weg sein, um aktiv Einfluss zu nehmen.

Posted by Ben at June 1, 2004 09:56 PM
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