July 06, 2004

Bischkek beginnt

Um ein Uhr morgens berührte die Maschine der Turkish Airlines die Landebahn des Manas-Flughafens. Es war eine ruppige Landung, nachdem der Pilot kurz zuvor den Anflugwinkel korrigieren musste. Die vornehmlich kirgisischen Passagiere quittierten den ruppigen, aber letztlich sicheren Bodenkontakt mit zurückhaltendem Applaus. Nach anschließender langer Bremsung drehte die Boeing um 180 Grad bei, fuhr die Start- und Landepiste wieder herauf, und schlug erst nach einigen hundert Metern den Weg zum Terminal ein. Die meisten Passagiere hatten sich da schon abgeschnallt, emsig die Gepäckfächer geöffnet und sich Richtung Ausgang gedrängt – trotz türkisch, englischer und russischer Anweisung damit zu warten, bis das Flugzeug die endgültige Parkposition eingenommen haben würde.

Wahrscheinlich kannten sie schon den äußerst interessanten Anblick, der sich einem beim Blick aus den Fenster eröffnete: Auf nahezu allen Parkpositionen des Airports standen Boeing-737-Transportjets der amerikanischen Luftwaffe, schätzungsweise 30-40, unter ihnen auch vereinzelt andere Flugzeugtypen. Zwischen ihnen fuhr einsam ein großer Chevrolet hindurch, gesteuert von einem jungen GI. Der Manas Airport, angeflogen nur von einer Handvoll Airlines, hat seinen größten Kunden in den von Amerika geführten Koalitionskräften, die anlässlich des Afghanistan-Feldzuges Ende 2001 hier stationiert worden waren. Angeblich kassiert die kirgisische Regierung dafür fürstliche Start- und Landegebühren, von denen rein zivile Flughäfen in Europa nur träumen könnten. Zusätzlich zu den ca. 300 Millionen Dollar Miete pro Jahr sowie großzügigen Modernisierungsplänen erhalten die kirgisischen Behörden 7000 US-Dollar pro Start und Landung.

Passkontrolle und Zoll dauerten lange, trotz andersartiger Befürchtungen verliefen sie aber ohne besondere Vorkommnisse. Im Empfangsbereich stand ungefähr die zehnfache Anzahl an Menschen, die in dem Flugzeug gesessen hatten. Nach erfolgreichem Kampf durch das Dickicht der Menschenmassen spricht mich endlich ein Mädchen mit meinem Namen an – Cholpon Osmonalieva (20) wird für die acht Wochen mein lokaler Kontakt sein. Sie führt mich durch das mir sprachlich fremde Land, organisiert die Touren und hat ein offenes Ohr für all meine Probleme. Ohne sie, und das kann ich schon nach 2 Tagen festhalten, wäre es ungemein schwierig und lange nicht so ergiebig.

Das Taxi raste die Straße nach Bischkek entlang, dort wo es ging mit maximalen 140 Stundenkilometern. An einigen Polizeistreifen vorbei, erreichten wir die kirgisische Hauptstadt nach guter halber Stunde. Die Wohnung, die ich die nächsten zwei Wochen bewohnen werde, ist einwandfrei. Balkon, Satelliten-Fernsehen, saubere Küche und Bad – alles angenehm und komfortabel. Die paar Schaben, die sich vornehmlich nachts auf Erkundungstour durch die Gänge machen, sind wohl letztlich unvermeidlich und bringen mich noch nicht aus der Fassung. Ihren südostasiatischen Verwandten stehen sie in Größe und Geräuschpegel nach. Die Vermieterin, eine mittelalte Kirgisin mit goldener Zahnreihe, ist nett und kam heute zum Kassieren der Miete.

Nach kurzem Wäschewechsel ging es auch sofort weiter. Unten wartete das Taxi, um uns zum ‚First Nightclub’ zu bringen, einer im Nachhinein dubiosen Einrichtung. Eigentum vom Sohn des Präsidenten Akajew ist dieser Club wohl eine der ersten Adressen für das reiche, neue und erfolgreiche Bischkek. Den Eintritt von 200 Soms (5 US-Dollars) kann sich kaum jemand von den normalsterblichen Kirgisen leisten. Somit ist schon im Vorneherein klar, wer da zu den Black Beats die Hüften schwingt. Die neuen Reichen bleiben auch gerne unter sich. Gerade neben der Tanzfläche steht ein privater Sicherheitsmann mit Pistole im Halfter, vor dem Eingang schaut Militär nach dem Rechten. Das Etablissement ist ganz in weiß gehalten und auch die Kellnerinnen spiegeln dies in ihrer Garderobe wieder. Man fühlt sich fast ins trendy London oder Berlin versetzt. Das schlichte Design im Club steht im Gegensatz zum sozialistischen Leuchtspektakel vor der Tür, wo elektrische Fontänen nahezu romantischen Charme versprühen. Das Publikum macht einem jedoch unwiderruflich klar, wo man sich befindet – im Herzen Zentralasiens.

Die unterschiedlichen Gesichter der Tanzenden zeigen unter anderem, dass sich wirtschaftlicher Erfolg hier nicht nach ethnischer Zugehörigkeit zu richten scheint, sofern ein Nachtclub darüber ausreichend Auskunft geben kann. Freudige junge Menschen geben sich der Musik amerikanischer Machart hin und verwandeln den recht klinisch wirkenden Club in eine einzige Tanzfläche, welche die DJs gekonnt im Griff haben. Vinyl ist in Ländern der ehemaligen Sowjetunion schwer zu bekommen und Bestellungen aus dem Ausland würden an organisatorischen und finanziellen Gründen scheitern. Auf den hiesigen Märkten gibt es nur (professionell gebrannte) CDs. Doch durch pitchbare CD-Spieler gelingen den DJs jedoch überraschend sanfte Übergänge zwischen den Songs.

Die Hitze verschwindet auch nachts nicht, der Ventilator verschafft nur scheinbare Abkühlung. Somit war in der ersten Nacht kaum an Schlaf zu denken. Cholpon rief auch schon um sieben an, um mich zu wecken. Sie und ihre Mitstudenten hatten einen Sonntagsausflug geplant, der uns in das rund 50 Kilometer entfernte Ala-Arca Tal bringen sollte. Nach kurzem Warten vor der ‚American University Central Asia’ waren alle Freunde beisammen, die Reise konnte beginnen. Nach einstündiger, holpriger Fahrt war der Eingang des Naturparks erreicht und der Rest der Strecke taleinwärts musste schließlich zu Fuß zurückgelegt werden. Der Weg führte uns über ein weitgefächertes Flussbett zu den ersten steileren Passagen. Im Hintergrund erschien nach einer Rechtskurve plötzlich der Pik-Semenov-Tienshanskij, ein majestätisch anmutender 4895 Meter hoher, mit Schnee bedeckter Berg. Zu seinen Füßen sollten wir jedoch nicht kommen, da wir schon vorher ein ruhiges Plätzchen am Bach und unter Nadelbäumen fanden. Der Tag verlief traumhaft: Viele Gespräche mit Cholpons Freunden, Fußball auf einer Bergwiese und ein reichliches Picknick sorgten für einen äußerst angenehmen Start meiner 2 Monate in diesem wunderschön fremden Land.

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Auf dem Weg zurück zum Bus gab es noch eine Live-Erfahrung in kirgisischer Politik. Das letzte Haus vor Beginn des Naturparkes hätte sicher einen Architekturpreis verdient – vor 20 Jahren. Ein bizarres Spitzdach-Dreieck mit bayrisch anmutenden Balkonen und verglasten Seitenflügeln ist der neue Besitz vom Vize-Präsidenten. Dieser saß meinen neuen kirgisischen Freunden zufolge auf der unteren Terasse, umgeben von Sicherheitsdiensten und anderen offiziell anmutenden Männern. Der Mann sorgt für Unbehagen bei der kirgisischen Bevölkerung. Er besitzt keinen direkten Bezug zu Politik, ist Russe und – interessanterweise – ehemaliger Tennistrainer vom Präsidenten.

Totmüde fiel ich um abends um neun ins Bett und wurde erst wach, als mitten in der Nacht BBC Griechenlands Triumph bei der Fußball-Europameisterschaft verkündete. Zwischenzeitlich hatte auch ein russisch sprechender Mann angerufen, der nach meinen verzweifelten Versuchen, ihm zu sagen, dass ich seiner Sprache nicht mächtig bin, einfach aufgelegt hatte. Verwirrt über den Mann, das unerwartete Ergebnis der Euro 2004 und schweißgebadet von der gnadenlosen Hitze schlief ich verhältnismäßig ruhig weiter bis sich Cholpon gegen elf bei mir meldete.

Der erste Weg des Tages führte mich zu meinem Arbeitgeber vor Ort, dem ‚Institute for Election Systems’. Chedomir, Simon und ein grimmiger Amerikaner interviewten mich zugleich, um meine möglichen Arbeitsfelder abzustecken. Wie immer werde ich höchstwahrscheinlich im Bereich Grafik- und Webdesign eingespannt sein. Die Broschüren der Organisation für Kirgistan, Tadschikistan und Kasachstan benötigen dringend optische Aufwertung und scheinbar bin ich der richtige Mann dafür. Weiters geht es nach jetzigem Stand auch in ein IFES-Sommercamp im Südwesten des Landes, wo junge Studenten und Schüler in Simulationen Krisensituationen durch kreatives Denken bewältigen müssen. Morgen, am ersten richtigen Arbeitstag (Beginn 08:30), werde ich sicher mehr erfahren können. Simon möchte auch gerne, dass ich ein Datenbank-Projekt übernehme, leider werde ich ihm wegen fehlendem Wissen diesbezüglich absagen müssen. In den Mittagspausen-Gesprächen und vielleicht auch bei späteren Tätigkeiten hoffe ich, mehr über die Organisation und die politische Situation in Zentralasien zu erfahren.

Erfreulicherweise klingelte auch schon mein Handy. Dank kirgisischer Sim-Card bin ich auch aus Europa problemlos zu erreichen und kann hier vor Ort besser Kontakt zu Leuten halten. Auch Shirin Akiner, meine Professorin aus London, werde ich hoffentlich bald sprechen können. Immer noch in Bischkek, ruft sie mich hoffentlich noch heute Nacht an, wie mir ihre Bekannte Elvira versicherte. Vielleicht ergibt sich ja auch das mögliche Interview mit Tschingis Aitmatow sehr bald.

Posted by Ben at July 6, 2004 05:44 AM
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