July 27, 2004
Die Reisegruppe der Freiheit und Freundschaft am Issyk-Kul
Elke, Laura und Sebastian (alte Schulfreunde aus Berlin) hatten sich kurzerhand entschieden, mir hier in Bischkek Gesellschaft zu leisten und mich auf den diversen Trips zu begleiten. Da auch viele ihrer Bekannten diesen Blog lesen, dachte ich mir, es wäre an der Zeit, ihnen das Wort zu erteilen. Dieses Wochenende ging es an den Issyk-Kul. Da ich noch etwas an den Folgen meines Sonnenstichs zu leiden hatte, übernahmen die drei den Part des Web-Tagebuchs. Und hier ist er auch schon, der Issyk-Kul Reisebericht:
OK, das Wochenende am Issyk-Kul ist vorüber und alle sind wieder gesund. Hier der Reisebericht (und Krankenreport) von Laura, Sebastian und Elke:
Nachdem uns von verschiedensten Seiten die Schönheit des Issyk-Kuls besonders nahegelegt wurde, brachen wir am Freitag voller Enthusiasmus von Bischkek aus auf. Zu acht legten wir die Strecke in einem kleinen Nissan 7-Sitzer zurück – und ließen uns von kirgisischer Textsicherheit im europäischen Charts-Bereich beeindrucken. Neben unserem Guide Cholpon hatten nämlich auch Nadja und Isara ihre Sachen gepackt und sich mit uns aufgemacht. Die Fahrt verlief zügig bis rasant, so daß mit wachsender Distanz zur Hauptstadt traditionellere Bauwerke unseren Weg begleiteten. In den atemberaubenden Bergen angelangt, machten wir an einer Jurten-Raststätte halt und aßen weiße Pferdemilchkäsebällchen, die geschmacklich an Feta erinnerten. Der jugendliche Verkäufer war sichtlich enttäuscht, als sich herausstellte, daß wir doch keine ‚Amerikanski’ waren, sondern nur gemeine Europäer.
Nach einer weiteren rasanten jedoch auch schlaglochreichen Stunde erblickten wir das Westufer des Sees, der sich wie ein Ozean vor unserem Auge auszubreiten schien. Gegen acht erreichten wir unseren Zielort, Cholpon Ata - Ausbau, das Touristenmekka Kirgisiens. Die Freude über die sauberen Zimmer wurde leider recht schnell getrübt: Die sanitären Anlagen bestanden zu unserem Verdruß aus einem wackeligen Plumpsklo und einer Ganzkörperdusche in 20 cm Höhe. Durch das Plumpsklo war man über den Zustand der Verdauungstrakte der anderen Touristen bestens im Bilde. Die einzigen, welche in den Genuß der Ganzkörperdusche kamen, waren die zahlreichen kirgisischen Spatzen.
Gestärkt von der pensionseigenen Küche, welche von Studenten der American University of Central Asia unter einer Plane betrieben wurde, begaben wir uns auf Erkundungstour. Diese ergab, daß die restlichen Gebäude vorwiegend aus Wellblech bestanden oder einem sozialistischen Erholungskomplex Marke Werbellin-See/Prerow angehörten. Gespickt wurde das architektonische Ensemble von einer Reihe lautstarker russischer Karaoke-Freiluft-Diskotheken. Einen Vorgeschmack auf die hiesige Kriminalitätsrate präsentierte sich uns durch eine rennende Menschenmasse, die sich ganz der Verfolgung des schwarz gekleideten Diebes in flagranti verschrieben hatte. Ben, der seiner Blase notgedrungener Weise gerade auf dem Fluchtweg Erleichterung verschaffte, entging nur knapp den Rachemessern. Auf der Suche nach neuen Abenteuern und einladenden Toiletten begab sich die Reisegruppe umgehend zum See. Die Milchstrasse oder Goldspur der Gaben wie Aitmatov sie genannt hätte, erstrahlte am Himmel und setzte den nächtlichen Strand in romantisches Licht.

Nach einer guten Schüssel Pelmeni zum Frühstück, bot sich uns dann der bezaubernde Anblick des Sees mit seinen schneebedeckten Bergen am anderen Ufer bei Tageslicht. Mutig und die uns vom Strand entgegenströmenden Einheimischen nicht beachtend, legten wir uns kühn bei voller Mittagshitze in die Sonne und verbrachten die restlichen Stunden mit Baden gehen und Skat-Spielen.
Der nächste Tag war der bislang desaströseste: Zwar machten Elke und Laura Bekanntschaft mit der umliegenden Bergwelt, in der sich Pferde und Esel tummelten und Honig und Pferdemilch in den Flüssen flossen. Letzteres heißt Kumis und ist das kirgisische Nationalgetränk, sein saurer Geschmack allein wäre die Tour jedoch nicht wert gewesen. Findige Einheimische verdienten sich in den Schluchten ihr Geld durch das sekundenweise Vermieten festgebundener Falken. Elke konnte sich dem wilden Charme nicht entziehen und probierte einen falkenbesetzten Handschuh an…

Jedoch, während die herzlosen Frauen ihr Vergnügen in der Ferne suchten, kämpfte Ben in tapferer Begleitung seines Leibpflegers und Zeitansagers Sebastians um sein Leben. Die Sonne vom Vortage schien sich in Bens Kopf festgeschienen zu haben. Mit hohem Fieber und Rekapitulation des Gegessenen ging es nur schwer durch den Tag.
Der Gesundheitszustand der anderen verschlechterte sich ebenso (bei Bens Anblick), ob nun wegen der Sonne, des Essens oder der hygienischen Verhältnisse war nicht sicher auszumachen. Von nun an war alles nur noch lästige Warterei auf das heimbringende Taxi. Als dieses auf halbem Wege bei 120 Stundenkilometern auf Schweizer Käse-Straßen zur allgemeinen Erheiterung einen Reifen platzen ließ, fragte sich Laura, wie es sei, im schönsten Sonnenuntergang auf einem kirgisischen Feld an Magenkrämpfen zu sterben. Nach einer strapaziösen nächtlichen Landfahrt, hielt der Taxifahrer schließlich in einer abgelegenen verruchten Seitengasse und stieg wortlos aus. Dieses Mal jedoch verschlug es einen rotgekleideten jungen Mann ins Gebüsch, gefolgt von einer munteren Kinderschar. Wir scherzelten noch mit dem uns übriggebliebenen Humor, daß diese Schar unmöglich Böses im Schilde führen könnte. Doch unsere Erwartungen wurden wieder einmal übertroffen. Sie hielten vor dem Gebüsch an, zückten kurzentschlossen ihre kopfgroßen Steine und schleuderten diese mit all ihrer kindlichen Kraft, so daß die Steine nach wenigen Metern den Boden grüßten, dem Manne hinterher. Nach dieser Showeinlage stieg der Taxifahrer wieder wortlos ein und fuhr uns direkt durch die Einbahnstrasse vor die Wohnungstür.
Die angespannte gesundheitliche Lage fand bei Sebastian des nächtens und am darauffolgenden Tage ihren Abschluß. Dadurch war die Stimmung der Reisegruppe der Freiheit und Freundschaft auf den Nullpunkt gefallen. Aber auf ein Tal folgt bekanntlich immer wieder ein Gipfel - gerade in Kirgisien!
