August 23, 2004
Was alles schiefgehen kann
Das gute alte Schreibheft hat auf meinen Reisen ohne Laptop gute Dienste verrichtet, obwohl ich oft meine eigene Handschrift gar nicht mehr erkennen kann. Hier der Bericht, den ich unmittelbar nach Ankunft in Batken verfasste (Mist, schon zuviel verraten). Ich bin mitunter wieder in Bischkek angelangt, nachdem ich auf dem Rückweg zum Glück einen Direktflug aus der 12,000 Einwohner zählenden Stadt bekommen habe. Es ist gut, wieder hier zu sein - nachdem mich der Trip wohl zu einer der entlegensten Ecken Asiens gebracht hat und unheimlich interessant war. Mehr dazu später - hier.

Autofahrten in Kirgisien gehören sicherlich zu den aufregendsten ihrer Art. Allein die Landschaft, die es allerorts zu bestaunen gilt, bietet genug Anreiz, das Land auf vier Rädern kennenzulernen. Probleme, meist ob des Alters der Vehikel her rührend, bleiben jedoch bei längeren Fahrten nicht aus. Dass jedoch auch alles schiefgehen kann, war mir wenigsten bis gestern erspart geblieben.
Von Osh sollte mich ein Taxi in das abgelegene Batken bringen, Hauptstadt des gleichnamigen Oblasts. Gleich zu Beginn offenbarte sich die Mutter aller Probleme: In der territorial durchwachsenen Region benötigen Ausländer ein usbekisches Visum, um in den Genuss der durchweg asphaltierten Straße nach Batken zu kommen. Zu zeiten der UdSSR waren die Teilrepubliken mit einem ganzheitlichen Infrastrukturnetz durchzogen. Grenzen innerhalb der Union spielten im Alltag der Menschen nur geringfügige Rollen. Verwandte in Usbekistan konnten von Kirgistan aus ohne Probleme besucht werden - der Grenzübertritt war de jure - und in der Realität bis auf pompös-sozialistische Willkommensmonumente unsichtbar.
Nach der Unabhängigkeit jedoch brach dieses weiche System zusammen. Alles, was bisher im Verbund organisiert worden war, lag nun in der Zuständigkeit einzelner, unabhängiger Staaten. Gerade zwischen Kirgistan und Usbekistan führten Unstimmigkeiten im Austausch von Wasser und Gas zu verhärteten Fronten. Teilweise wurde auch der visafreie Transitverkehr abgeschafft, was zu unsäglichen Problemen für normale Menschen auf beiden Seiten führte. Somit war meinem Taxifahrer die Strecke bekannt, die usbekisches Territorium umgeht: "No Uzbeki Visa" - und der Mann verdrehte schon die Augen.
Gut, wäre sein Auto im Rahmen gängiger Standards ausgerüstet und funktionabel gewesen, hätte die Strecke auch bei weitem nicht so problematisch sein müssen. Aber, und ich übertreibe nicht im geringsten, sein Auto war nicht mehr als ein Haufen Schrott. Ein Lada Nova, ca. 20 Jahre alt, ist an sich kein Grund zu übermäßiger Sorge. Als ich jedoch in Osh beim Anschieben helfen musste, dämmerte mir schon, dass dieser Trip kein Zuckerschlecken werden würde.
Problem 1: Der Anlasser
Lösbar. Wenn der Motor wieder mal zu heiß gelaufen war (meistens beim Bergauffahren), einfach mit dem letzten Rest kinetischer Energie wenden - den Berg zurück herunterrollen und am Fuße wieder den Gang einlegen. Problematischer nur bei ebener Strecke. In dem Fall erst warten, dann schieben.
Problem 2: Die Elektronik
Unlösbar. Sicherheitsbedenken hoch. Bei Einbruch der Dunkelheit setzten sich schon die nächsten Sorgenfalten auf die Stirn. Unser Licht glich eher dem Standlicht meines alten Simson-Rollers. Auf kirgisischen Straßen mit mehr Schlaglöchern als Asphaltbelag kann dies schnell ins Auge gehen. Entgegenkommende Fahrzeuge quittierten unseren Blindflug mit einem Gewitter an Lichthupen - was die Augen einem unbarmherzigen Wechsel von hell und dunkel aussetzte.
Problem 3: Die Reifen
Um Mitternacht forderte die Umleitungsstrecke ihren Tribut. Die Buckelpiste mit herausragenden Steinen und Schlaglöchern der Kategorie 'ernst' fraß sich langsam aber sicher in das schon poröse Profil unseres rechten Vorderreifens. Nach einem lauten Knall war das Unausweichliche dann passiert. Reifen geplatzt, Hoffnung dahin. Batken schien unerreichbar fern.
Die Sitze wurden also umgeklappt und das Auto zum Schlafplatz für diese Nacht, inmitten der Wildnis. Alle zehn Minuten röhrte ein Kamas-Laster an uns vorbei. Nicht nur Ausländer ohne usbekisches Visum benutzen diese Umleitung, sondern augenscheinlich auch Transportunternehmer ohne Lust auf die berühmt-berüchtigten usbekischen Grenzkontrollen.
Im Morgengrauen traute sich der Fahrer erstmals, einen Laster anzuhalten, um ihn nach Profilschutz zu fragen. Diesen kombinierte er mit dem geplatzten Reifen, einem unversehrten Schlauch (Gott weiß, wo er den her hatte) - und ab ging die Post (nach Anschieben) - weiter Richtung Batken. Im nächsten Marktflecken wurde es dann unausweichlich. Ein neuer Reifen musste her, koste es, was es wolle. 200 Som mehr als in Osh wollte der Verkäufer, und zähneknirschend stimmte der Taxifahrer zu. Den Reifen zogen wir jedoch erst auf, als der geflickte endgültig den Geist aufgab, ca. 50 Kilometer weiter. Dann endlich, 15 Stunden und magere 250 Kilometer von Osh entfernt, klingelt mein Telefon. Endlich, Batken ist erreicht. Isgesamt 15-mal Anschieben, zweimal Reifen wechseln und mehr als einmal Grenzsituationen durch mangelndes Licht - was ist das schon alles, wenn es überstanden ist.
Geplant waren sechs Stunden, aber gerade in Kirgistan ist Zeit ein Faktor, den man nicht unterschätzen sollte. Mein Anschlusstaxi war natürlich längst über alle Berge - dafür bin ich aber in guten Händen. Torsten, GTZ-Mitarbeiter, hat mich eingeladen, die Nacht in seinem Haus zu verbringen. Mit ihm werde ich morgen aufbrechen, ins Camp, wo ich dann mit 2 Tagen Verspätung eintreffen werde.

Wie ich mich schon auf den Weg zurück freue.
Posted by Ben at August 23, 2004 02:48 PM