September 27, 2004

Eine neue Kulturrevolution in Chinas Wildem Westen

Sorry for taking Schwartz' long-awaited update from the top-position! Read it now.

taklamakan.jpg

Nach endlosen Tagen durch die Weiten der unbarmherzigen Wüste erreichten zahllose Händlerkarawanen auf dem Weg nach Westen Kaschgar – das Tor zur
Taklamakan, der ‚Wüste ohne Wiederkehr’. Von Ost und West brachten die Händler nahezu alles mit sich, was in der damals bekannten Welt zu finden war. Die Wagen waren voll kostbarer Waren wie Seide und Edelsteine, aber auch Religionen wie Islam und Christentum konnten sich über die Seidenstraße, ein zusammenhängendes Netz von Handelswegen zwischen Europa und China, leicht ausbreiten. Kaschgar, wegen der strategisch günstigen Position zwischen Pamir, Taklamakan und Karakorum, befand sich auf allen Landkarten damaliger Entdecker und Händler. Marco Polo, der im dreizehnten Jahrhundert hierher reiste, war begeistert von der Fülle der angebotenen Waren und sichtlich angetan von den hiesigen Nudeln. Kulinariker streiten seitdem, ob Pasta nicht aus den entlegenen Fernen Mittelasiens kommen könnte.

Mit dem Versiegen der Seidenstraße durch die zunehmende Schiffbarkeit der Seewege zwischen Europa und dem Fernen Osten verschwand Kaschgar zusehends in der geschichtlichen Bedeutungslosigkeit und tauchte erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder auf. Diesmal in den Planspielen russischer und britischer Emissäre in Mittelasien und Britisch-Indien: Das ‚Great Game’, großes Spiel der beiden damaligen Supermächte, wurde ein bedeutendes Kapitel lang in Kaschgar gespielt; dort wo Yakub Beg, exzentrischer König Kaschgarias mit aller Gerissenheit versuchte, die beiden europäischen Mächte gegeneinander auszuspielen. Heute zeugen noch die beiden Konsulate von der aufregenden Zeit, die letztlich in einem geostrategischen Patt endete und Kaschgar an die vorrückenden Chinesen fallen ließ.

Mit rund 400,000 Einwohnern ist Kaschgar heute eine der fünf größten Städte
Xinjiangs, Chinas größter und mit 20 Millionen Menschen am wenigsten besiedelten Provinz. Sie grenzt an sechs andere Staaten, manche von ihnen erst seit dem Ende der Sowjetunion unabhängig. Gerade die benachbarten zentralasiatischen Republiken Kasachstan und Kirgisien verbinden mit Xinjiang ein historisches Erbe: Genauso wie Kirgisen und Kasachen gehören die Uighuren, die bevölkerungsreichste Völkergruppe Xinjiangs und ursprüngliche Bewohner der Region, zu den mittelasiatischen Turkvölkern. Außerhalb des Milliardenreiches China, das derzeit ganz andere Schlagzeilen macht, ist diese ethnische Vielfältigkeit (in ganz China gibt es insgesamt 51 verschiedene Volksgruppen) ein kaum bekannter Fakt, noch dazu wenn das Volk der Uighuren fernab der boomenden Metropolen die Oasen im ‚Wilden Westen’ bewohnt. Diese Gegend ist, seitdem die Seidenstraße ihre Bedeutung verloren hatte, in Europa so unbekannt wie sagenhaft geblieben – ein schwarzes Loch in den landumschlossenen Weiten Mittelasiens.

chinamap.jpg

Die ersten Chinesen überquerten schon früh die endlose ‚Wüste ohne Wiederkehr’ – die ehrfurchterregende Taklaman, nach der Sahara die zweitgrößte Sandwüste der Welt. In Kashgar, Yarkand und Hotan siedelten sie als Händler – und sorgten zusammen mit Tadschiken, Usbeken, Turkmenen und vielen anderen Völkern für ein ethnisches Kaleidoskop, das noch heute bestaunt werden kann. Der massenhafte Zuzug von Han-Chinesen begann jedoch erst nach der Gründung der Volksrepublik China 1949. Mitte der fünfziger Jahre wanderten jährlich an die 250,000 Chinesen in die Oasen Xinjiangs, 1959 sogar eine Million, um dem Hunger weiter im Osten zu entkommen. Uighuren bilden heute mit rund 45 Prozent zwar immer noch knapp die Mehrheit der rund 20 Millionen Einwohner, unausweichlich jedoch blieb der Zuzug von Millionen Neuankömmlingen nicht ohne soziale und wirtschaftliche Folgen für die ursprünglichen, islamischen, Bewohner.

Es ist ein Sonntag in Kashgar - Markttag -, und die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Die Gerüche exotischer Gewürze und Speisen betäuben die Sinne. Ein endloses Gewühl von Menschen, Eselgeschrei, das Hupen der verzweifelten Taxifahrer – man verliert leicht die Orientierung auf dem heute noch größten Markt Zentralasiens. In einem schier endlosen Labyrinth von Gassen mag der Einheimische alles schnell und bequem finden und bekommen, der Fremde jedoch fühlt sich etwas hilflos und betäubt angesichts der orientalischen Mystik dieses Ortes.

kashgar_market1.jpgEine Art von Orientierungslosigkeit schien auch die chinesische Verwaltung von Kaschgar beschlichen zu haben. Um dem ‚orientalischen Chaos’ des Marktes Herr zu werden, sowie das rege und bunte Handeln etwas mehr Ordnung und Effizienz zu unterwerfen, errichtete man 2003 flugs einen betonierten und überdachten Markt – mit dem Charme einer Autobahnraststätte, Notausgänge und Klimaanlage inklusive. Der „Central Asia International Market Kashgar“ erstreckt sich auf einer Fläche von gut 500 mal 500 Metern, ein zweiter Komplex befindet sich im Bau. Dieser soll zwar den Fortschritt Xinjiangs innerhalb des chinesischen Wirtschaftswunders symbolisieren, aber dieser gesichtslose Komplex erzeugt beim Betrachter nur ein Gefühl von Beklommenheit. Willkommen in Kaschgar, Zeuge einer neuen chinesischen Kulturrevolution - subtil und lautlos - jedoch chinesisch-effektiv in Geschwindigkeit und Gründlichkeit.

cattlemarket1.jpgDie traditionellen Lebensformen der Uighuren werden auf breiter Front attackiert. Für Jahrhunderte beheimatete der Markt im Zentrum der Stadt auch eine Viehsektion. Herden von Schafen, Ziegen, Yaks, Kamelen, Pferden und Eseln strömten jeden Sonntag in das Stadtinnere und verwandelten die Straßen in ein aufregendes, ohrenbetäubendes Potpourri. Jedoch auch dies war der chinesischen Stadtverwaltung ein Dorn im Auge. Der Viehmarkt befindet sich nun außerhalb der Stadtgrenzen, eingefaßt in Betonmauern stehen die Tiere angebunden in Reih und Glied. Das Ausmaß dieser Umsiedlung erschließt sich dem unerfahrenen Beobachter kaum. Die Mechanismen eines jahrhundertealten Marktes scheinen sich jedoch auch dem Verständnis der ordnungsliebenden Chinesen zu entziehen: Die sozioökonomischen Folgen dieser Umsiedlung jedoch sind unabsehbar. Viele Viehhändler haben Angst, offen zu sprechen, da sie politische Repressionen befürchten müssen. Nur vereinzelt finden sie vorsichtige Worte, ihrer Kritik praktisch Anschauung zu verleihen: „Schauen Sie auf den Boden, der Untergrund ist viel zu steinig, um hier Pferderennen zu veranstalten. Wie kann man denn guten Gewissens ein Pferd kaufen, ohne vorher damit zu reiten?“

maokashgar.jpgBeim Laufen durch die Stadt fällt unmittelbar auf, daß man sich zwischen zwei Städten hin- und herbewegt. Die Reise beginnt in Kashi – Kaschgars chinesischer Name: Weite Boulevards, die obligatorische Mao-Statue auf dem ‚Platz des Volkes’ und eine Unzahl von chinesischen Werbetafeln, auf denen bildschöne Han-chinesische Models Mobiltelefone, Waschmittel und Versicherungen preisen, lassen vergessen, daß Kaschgar eine uighurische Stadt ist. Das chinesische Wirtschaftswunder ist auch hier, in der fernen Provinz eindrucksvoll zu bestaunen. Vor einer Schule versammelt sich eine Mädchenklasse, um in Zweierreihen einen mit sozialistischer Kampfmusik unterlegten Appell zu absolvieren. Über den blumenbesetzten Hauptplatz flanieren gutgekleidete Frauen aus der Mittelklasse. Von den Uighuren, die sich in Hautfarbe und Gesichtszügen von den Chinesen gänzlich unterscheiden, fehlt fast jede Spur.

oldcity01.jpgNur einige hundert Meter weiter ändert sich das Bild vollends. Man erreicht das eigentliche Kaschgar – und betritt sofort eine andere Welt. Der Hauptplatz der ursprünglichen Siedlung wird von der 500 Jahre alten Id-Kah Moschee dominiert. Zu besonderen Feiertagen wie dem Ramadan versammeln sich hier bis zu 50.000 Menschen. Nur ein Bruchteil der Gläubigen paßt dann in die Moschee. Der Rest drängt sich auf dem Platz, um den Muezzin möglichst gut verstehen zu können, wenn dessen Worte aus den zahlreichen Lautsprechern klingen. Auf dem Dach eines gegenüberliegenden Hauses prangt eine politische Botschaft: ‚Die Völker Chinas leben in Eintracht und Harmonie’. Soweit stimmt das für den Moment, wenn auch kein einziger Chinese zu sehen ist.

Der Einfluß der chinesischen Kulturpolitik wird an zwei verschiedenen Vierteln der Altstadt überdeutlich. Der erste Gang führt durch einen ursprünglichen, fast unangetasteten Teil der Stadt. Die uighurische Architektur verschließt sich dem eilig Vorbeiziehenden. Die Häuserfassaden sehen fade und brüchig aus, die Bauwerke, deren Lehmwände nur minimalistisch durch Fenster aufgelockert werden, erscheinen wie Klötzer. Doch ein Blick hinter die Eingangstüren eröffnet einem den wahren Reichtum dieser Bauweise: Fast mediterran wirken mit dem Betreten die großzügigen Innenhöfe, begrünte Treppen führen zu den oberen Geschossen. Die Bauweise spendet Schatten und angenehme Kühle im heißen Sommer, im Winter ermöglicht sie ein leichteres Speichern der Wärme.

Vor einer jahrhundertealten Madrassah stehen Pappeln wie im Spalier und sorgen für ein angenehmes Klima. Der Islam hat hier eine lange Tradition – dennoch ist Toleranz ein wichtiges Fundament innerhalb der uighurischen Gesellschaft. Frauen sind unterschiedlich stark verschleiert – mal verdeckt ein leichtes Tuch die Haare, mal verhüllt die Burka die ganze Person von Kopf bis Zeh. Die Straßen in diesem Viertel sind voller Aktivität, Eselskarren transportieren Waren zum und vom Markt, alte Männer sitzen vor den Häusern und führen lautstark Diskussionen. Kinder spielen in den labyrinthischen Gängen des verwinkelten Quartiers. Man kann sich vorstellen, daß das Leben vor Hunderten von Jahren nicht wesentlich anders gewesen war.

Nach dem Überqueren die Hauptstraße betritt man den touristisch ‚aufbereiteten’ Teil der Altstadt. Der Eintrittspreis von umgerechnet einem Euro soll dabei helfen, die Gebäudestrukturen instand zu halten. Die Abschottung des Quartiers hat jedoch einen anderen Effekt: Die Straßen sind im Vergleich zum anderen Viertel wie ausgestorben, nur vereinzelt säumen chinesische Touristen mit neuen Digitalkameras den Weg, Einheimische sieht man kaum. Fast jedes Haus ist mit Schildern bestückt, die ‚traditionelle Handwerkskunst’ der Uighuren bewerben, wovon man auch reichlich einkaufen kann. Es scheint, daß die für die Behörden einzig akzeptable Lebensweise der Uighuren eine Verkümmerung zu touristisch aufbereiteter ‚Traditionalität’ darstellt. Andere Gegenden der Altstadt sind den Stadtplanern ein Dorn im Auge, viel Bauland wurde schon von Bulldozern eingeebnet. „Es ist wie ein rauschender Fluß, den der Mensch in ein künstliches Bett umleitet, um ihn zu zähmen“, sagt Muamar, 23. Nur geht es hier nicht um einen Wasserweg, sondern um ein ganzes Volk mit tausendjähriger Geschichte und Kultur.

Die Resignation vieler junger Uighuren entlud sich in Unabhängigkeitsbestrebungen – politischer, aber auch terroristischer Natur. Seit dem 11. September 2001 hat sich das Durchgreifen der chinesischen Regierung gegenüber den ‚Dissidenten’ verhärtet, da es die Behörden vermögen, die Separationsbestrebungen in ihrem Hinterland in den Kontext des internationalen Terrorismus zu bringen. Todesurteile gegen politisch Andersdenkende gehören leider zur Tagesordnung. Die Mehrheit der Uighuren hat jedoch mit der gewaltsamen Opposition nichts am Hut – zu groß ist die Angst vor den omnipräsenten Sicherheitsdiensten. Die Lautlosigkeit und Effektivität, mit der die Umformung des traditionellen Lebensraums der Uighuren vonstatten geht, lähmt vielerorts die Artikulationsfähigkeit. Fraglich ist, wie lange noch. Wirtschaftswachstum und allgemeiner Aufschwung im Riesenreich gehen hauptsächlich zugunsten der zugezogenen Chinesen. Es ist schwierig, den Sorgen und der Wut der Uighuren nicht sympathisch gegenüberzustehen. Die subtile und rücksichtslose Vorgehensweise Pekings kann auf die lange Sicht den ‚rauschenden Fluß’ nicht umleiten, sagt doch ein chinesische Sprichwort: “Den Strom eines Flusses mit der Klinge eines Messer zu stoppen, macht ihn nur noch stärker.“

Posted by Ben at September 27, 2004 09:05 PM
Comments