March 24, 2005
Leserbrief an SpiegelOnline
Kommentar zu: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,348297,00.html
Alexander Rahr gilt zwar als Zentralasienexperte, jedoch entspricht er diesem Ruf in seinem jüngsten Interview auf Spiegel Online leider nicht.
"Doch im Gegensatz zu zentralasiatischen Nachbarstaaten waren kirgisische Präsidenten von eher liberaler Natur, dem Westen hin zugewandt und haben sich nicht wie manch anderer Regierungschef aus der Region auf Lebenszeit wählen lassen."
- Askar Akaev war der erste und einzige Präsident der zentralasiatischen Republik. Dem Westen hin zugewandt war er, das stimmt. Jedoch hat er auch auf eine gute Balance mit Russland Wert gelegt.
"Von einem friedlichen Verlauf kann keine Rede mehr sein."
- Die Proteste der letzten Tage haben entgegenlautenden Berichten zufolge keine Todesopfer gefordert. Man muss schon sagen, dass dies hinsichtlich heutiger Fernsehbilder ein Wunder ist. Vom 'Rande eines Bürgerkrieges' zu sprechen, ist jedoch arg überspitzt.
"Hier kämpfen Clans aus dem Süden des Landes gegen Clans aus dem kirgisischen Norden."
- So beliebt die Clan-These auch sein mag - erklären tut sie die ganze Wahrheit in Kirgisien kaum. Die sich im Moment als Opposition (und zusehends Interimregierung) profilierenden Personen kommen alle aus unterschiedlichen Regionen. Kulov stammt aus Bishkek, Otunbaeva aus Osh, Beknazarov aus Aksy, und Bakiev aus Jalalabad. Der Interimspräsident Ishenbai Kadyrbekov stammt aus dem südostlichen Naryn.
"Es gilt als gesichert, das die Protestbewegung gegen Präsident Akajew breite Unterstützung von Drogen- und Waffenkartellen erfährt, die ein durch einen Staatsstreich hervorgerufenes Machtvakuum für ihre Zwecke missbrauchen wollen."
- Diese These möchte ich gerne belegt sehen. Die einzigen, die vehement diese Verbindung beschwört haben, waren Akaev und sein Sprecher Segizbayev. Osh, Hochburg der Drogen- und Menschenschmuggelei, beherbergt tatsächlich einige graue Eminenzen, die sich für wahr im neuen Kirgisien Einfluss verschaffen werden wollen. Diese relativ eindeutige Sachlage lässt jedoch nicht zu, die Protestbewegung als von Kartellen beeinflusst und unterstützt abzuwerten.
Der Terminus Staatsstreich impliziert einen illegitimen Charakter des Umsturzes. Dies sehe ich nicht so.
"Der anfänglich friedliche Protest aber wurde im Laufe der Zeit von demokratiefeindlichen und gewaltbereiten Kräften unterwandert. Die gesamte Bewegung hat eine gefährliche Eigendynamik entwickelt."
- Da bringt Herr Rahr anscheinend die Chronologie etwas durcheinander. Als in Osh die größten Unruhen stattfanden, verstärkten viele friedlich Protestierende die einheimische Polizei. Das hatte Spiegel Online selbst berichtet: "Eine Gruppe von 50 jungen Männern aus dem Oppositionslager hat die Polizei verstärkt, nachdem die Hälfte der Beamten angesichts der Unruhen vom Montag zunächst nicht mehr zum Dienst angetreten ist. "Unser gemeinsames Ziel ist die Sicherheit in der Stadt", sagt der Führer der Gruppe, Basarbai Soltujew."
Die angeführten Punkte sollen demonstrieren, dass vermeintliche Zentralasien-Experten nicht per se als Referenz gelten sollten. Die Unruhen in Kirgisien sind nichtsdestotrotz besorgniserregend. Hoffen wir, dass es weitgehend gewaltlos bleibt.
Mit freundlichen Grüßen
Benjamin Paarmann
www.paarmann.info/blog
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