March 27, 2005
Korrespondenz mit Journalisten
Lieber Herr Mrozek,
vielen Dank für Ihre Antwort.
Sie haben schon teilweise Recht, wenn Sie große Teile der Opposition in die Nord-Nomenklatura einordnen; zumindest trifft dies die Situation genauer, als sie von Herrn Rahr in seinem jüngsten Spiegel-Interview geschildert wurde. Jedoch muss ich auch einschränkende Worte fassen: Inwieweit die verschiedenen Regierungsämter die Oppositionspolitiker zu 'Hauptstädtern' und Teilen des Establishments transformiert haben, kann man nur sehr schwer einschätzen. Beziehen wir die vielfach im zentralasiatischen Kontext zitierte Clan-Loyalität mit ein, wird die ganze Angelegenheit schon viel komplizierter. Ich würde Bakiev und Otunbaeva (insbesondere) nicht unbedingt unterstellen wollen, blind gegenüber den Bedürfnissen ihrer Herkunftsorte zu sein. Viele Analysten (wie z.B. Murad Esenov) denken eher, dass in Bakiev und Kulov zwei Kontrahenten bestehen, gerade weil sie aus dem Süden bzw. Norden kommen.
Der Nord-Süd-Konflikt, den Sie ansprechen, könnte jedoch natürlich aufflammen. Wissen tut man darüber im Moment nichts. Während meiner Zeit in Bishkek jedenfalls habe ich etwas interessantes erlebt. In der Organisation, in der ich mein Praktikum absolviert habe, arbeiteten in der Mehrzahl Leute vom Land, die vor einigen Jahren in die Hauptstadt gezogen waren. 'Ureinwohner' Bishkeks, deren Familien schon seit einigen Generation dort lebten, waren nicht sonderlich beliebt; der typische Großstadt-Provinz-Konflikt eben. Man sollte daher aber auch nicht vergessen, dass Bishkek's Einwohnerzahl in den letzten zwanzig Jahren unheimlich angestiegen ist, gerade wegen dieser zugezogenen Menschen vom Lande. Die Familien der Neueinwohner sind zum großen Teil im Süden verblieben. Bishkek ist somit nicht nur eine Insel inmitten ländlicher Räume, sondern auch derer Schmelztiegel. Dies hat sich in der Vergangenheit etabliert und wird sich auch erneut auf das zukünftige Machtgefüge auswirken.
Territoriale Konflikte können jedoch durchaus eine Rolle spielen, wie im Moment die Drohgebärden aus Talas zeigen. Fraglich ist jedoch nur, ob diese tatsächlich Ausdruck eines Szenarios Region-gegen-Region sind. Vielmehr sehe ich - wie auch sie - ökonomische Aspekte als schwelende Grundlage. Es sind beispielsweise bei weitem nicht alle Menschen in Talas mit den neuen Zuständen unzufrieden und drohen mit dem Marsch gen Bishkek. Auch in Talas gab es Günstlinge und Verlierer des wirtschaftlichen Wandels und des Nepotismus. Die krassesten Beispiele sind hier wohl Günstlinge Akaev's in Talas, die in der Region weitesgehend das politische und wirtschaftliche Sagen haben. Revolutionen produzieren nun einmal immer ihre Gewinner und Verlierer.
Ethnische Konflikte (und da hoffe ich inständig, dass ich recht habe) werden keine Rolle spielen. Meine Professorin ist davon ebenso überzeugt. Gerade dass die Akaev-Emissäre mit ihrer Anzettelei erfolglos blieben, könnte ein ermunterndes Zeichen sein. Kirgisen und Usbeken wissen noch genau, was 1992 geschehen ist, und werden hoffentlich nicht zwischen sich den Schuldigen suchen. Ich erwarte diesbezüglich auch ein Signal der neuen Regierung; ein Usbeke im Kabinett wäre eine Möglichkeit.
Der knackende Punkt bei der Analyse der Situation in Kirgisien ist jedoch meiner Meinung nach ein anderer: Inwieweit werden die Führer der Interimsregierung imstande sein, wahrhaft demokratische Strukturreformen einzuleiten und sich von krasser Korruption, Oligarchie und anderen unschönen Erscheinungen der post-sowjetischen Zeit zu emanzipieren? Die Menschen werden dem relativ schnell gewahr werden. Man kann die Ausprägung der neuen und alten Elite zur Zeit auch nicht genau feststellen, die Karriere und die Aussagen von Kulov, Bakiev, und Co lassen zugleich Hoffnung und Verzweiflung zu. Gegenpole zu der, wie Sie diese nennen, Nord-Nomenklatura könnten solche Personen wie z.B. Beknazarov bilden - Regionalpolitiker mit wahren Intentionen und großer Beliebtheit in ihren Wahlkreisen. Mir würden hier insbesondere einige Politiker aus Naryn, Batken, und sogar auch Talas einfallen. Murad Esenov sagte heute: "Wenn die neuen Machthaber es ernst meinen mit der Demokratie, werden sicher bald neue Namen und in Zukunft auch neue Regierungen auftauchen."
Hoffen wir, dass es was wird.
Beste Grüße,
Ben Paarmann
